Du hast dein Bestes gegeben! Du hast zugehört. Du hast dich vergewissert, den anderen richtig verstanden zu haben, was teilweise zutreffend war. Und der andere? Redet weiter. Dein „Ich möchte auch gerne etwas dazu sagen“, ist einfach untergegangen in den Worten des anderen. Was du auch versuchst, du findest keinen Weg, deine Anliegen und Ideen vorzubringen. Irgendwann endet der Monolog und lässt dich unzufrieden zurück. Vielleicht war dein Gesprächspartner dermaßen beschäftigt damit, dass er alle seine Anliegen bei dir anbringt, sodass er gar nicht gemerkt hat, dass du auch noch etwas dazu sagen wolltest?

So stehst du nun da. Mit deinem Koffer an nicht ausgepackten Anliegen und Ideen. Du konntest sie nicht einmal zeigen. Weil es dir wichtig ist, dich einzubringen und mitzugestalten, überlegst du dir nun, was du beim nächsten Gespräch tun kannst, damit auch du wahrgenommen und gehört wirst.

So kannst du vorgehen, damit auch du gehört und verstanden wirst: Wahlmöglichkeiten für unterschiedlichen Situationen und Gesprächspartner

 

ZUHÖREN

Auch wenn es jetzt fast wie ein Hohn erscheint, wenn ich mit dem Zuhören beginne, es kann dir ganz viel ermöglichen! Mit ZUHÖREN meine ich, einfach einmal nur zu hören. Versuch zu verstehen, was dir für deine:n Gesprächspartner:in wichtig ist. Atme, warte, lehn dich zurück, hör zu, als würdest du ein Buch lesen. Alles, das du dazu sagen möchtest, ist vorbereitet und kann ruhen! Es ist jetzt noch nicht dran! All deine Aufmerksamkeit schenkst du dem anderen.

Hör zu, bis …

  • … der/die andere fertig ist.
  • … du merkst, dass sich der/die andere wiederholt, mit immer anderen Worten.
  • … dir Menge, Dauer oder Inhalt zu viel wird.
  • … der/die andere ein neues Thema aufmacht.
  • … der/die andere einen anderen Aspekt des Themas öffnet, der extra besprochen gehört.
  • … du merkst, dass sich Themen, Aspekte oder Ziele mischen.

 

Höre zu, bis der/die andere fertig ist.

Hat der/die andere ausgesprochen, lass gerne ein paar Atemzüge Ruhe einkehren. Dann vergewissere dich, ob du den/die andere richtig verstanden hast und ob auch er/sie sich richtig verstanden fühlt. Mach eine auf den Punkt gebrachte Zusammenfassung mit wenigen, eigenen Worten. In Frageform oder mit dem Abschluss „Stimmt das so?“  oder: „Habe ich Sie so richtig verstanden?“

Nun gibt es 3 Möglichkeiten:

  1. Der/die andere fühlt sich voll und ganz verstanden.
  2. Der/die andere fühlt sich teilweise verstanden.
    In dem Fall möchte er/sie sicher noch Ergänzungen machen und sich weiter erklären.
    Höre weiter zu, bis du ihn/sie voll und ganz verstanden hast und er/sie sich auch so verstanden fühlt.
  3. Der/die andere fühlt sich nicht richtig verstanden. Dann höre zu, wie er/sie es gemeint hat.

 

Sobald der/die andere richtig verstanden wurde, holst du die Aufmerksamkeit zu dir!

 

Wenn sich der/die andere mit immer anderen Worten wiederholt.

Beginnt jemand Schleifen zu ziehen und sich mit immer anderen Worten zu wiederholen, ist das ein Zeichen dafür, dass diese Person unbewusst die Idee hat, noch nicht richtig verstanden worden zu sein. Da das VERSTANDEN WERDEN jedoch so wichtig ist, schwingt es innerlich und treibt zum Weitersprechen an. Ein reines “Ich verstehe Sie.”, genügt da meistens nicht. Sagt es dem/der anderen lediglich, dass du etwas verstanden hast, aber nicht genau, was du verstanden hast.

Unterbrich WERTschätzend und bewusst:

  1. Hol dir zuerst die Aufmerksamkeit, indem du deinen Gesprächspartner mit Namen ansprichst.
  2. Dann benenne, was du tust, nämlich unterbrechen. Damit machst du klar, dass dir das nicht aus Unhöflichkeit passiert, sondern es eine bewusste Handlung ist.
  3. Erkläre den WERT, um den es geht. In diesem Fall geht es um VERSTEHEN und VERSTANDEN WERDEN.
  4. Informiere, was du dafür tust, nämlich dich vergewissern, ob du ihn/sie bisher richtig verstanden hast.

„Herr/Frau Soundso, ich unterbreche Sie kurz, weil ich mich vergewissern möchte, dass ich Sie bis jetzt richtig verstanden habe.“ Nun bring auf den Punkt, was bei dir angekommen ist.

Verfahre weiter, je nach den oben genannten Varianten richtig verstanden / teilweise verstanden / nicht verstanden.

Sobald der/die andere sich zufrieden gibt und verstanden fühlt, holst du die Aufmerksamkeit zu dir!

 

Wenn Dir Menge, Dauer, Inhalt zu viel wird.

Ist dir die Menge zu viel, unterbrich bewusst und sag das!
Der WERT, um den es hier geht, ist möglicherweise ACHTSAMKEIT, dass nichts verloren geht, sondern alles WERTVOLLE gehört wird.
Deshalb bittest du darum, Etappen zu machen. Sag, dass du zu diesen Etappen auch etwas sagen möchtest. Frag, ob der/die andere bereit ist, auch das zu hören.

Ist dir die Dauer zu lange? Unterbrich bewusst und WERTschätzend.
Der WERT ist in dem Fall KLARHEIT und ORIENTIERUNG.
Damit Ihr die habt, frag dich und deinen Partner nach dem Ziel (Zeitziel und / oder Gesprächsziel) oder informiere ihn über deine Zeitgrenzen.

Beispiel:
„Zur ORIENTIERUNG möchte ich Ihnen gerne sagen, dass ich noch bis Uhrzeit / noch X Minuten Zeit habe und dass ich auch noch etwas zum Thema sagen möchte. Wie gehen wir in der verbleibenden Zeit vor?“

Vielleicht geht es dir auch um AUSGLEICH oder AUSGEWOGENHEIT?

Ist dir der Inhalt zu viel? Um welchen WERT geht es dir da? Das kommt auf die Situation an.
Ist dir der Inhalt zu persönlich oder privat oder zu nahe? Dann ist dir das womöglich unangenehm und es geht dir um RESPEKT von PRIVATSPHÄRE oder SCHUTZ von PRIVATSHÄRE oder einfach um RESPEKT von GRENZEN.
Betrifft der Inhalt nicht dich, sondern jemand anderen? KLARHEIT, dass du nur über Inhalte sprechen möchtest, die Euch beide betreffen.

 

 Wenn der/die andere ein neues Thema oder einen neuen Aspekt eines Themas aufmacht.

In dem Fall unterbrich wertschätzend, der WERT ist KLARHEIT, auch STRUKTUR und ORDNUNG.

Hol dir die Aufmerksamkeit des anderen, sprich seinen Namen an.
“Ich hab den Eindruck, dass das nun ein neues Thema / ein weiterer Aspekt des Themas ist.
Drum geht es mir um KLARHEIT und ich möchte das erste Thema zuerst gerne abschließen.
Dazu möchte ich noch gerne etwas sagen. Sind Sie bereit, das zu hören?”

Erfordert des die Situation, dass du den anderen zuerst empathisch abholst, bevor du für KLARHEIT sorgst, kannst du so vorgehen:

Aufmerksamkeit holen, Namen ansprechen.
“Ich hab den Eindruck, dass das nun ein neues Thema / ein weiterer Aspekt des Themas ist.
Mir ist wichtig, dass alles richtig verstanden ist.
Darf ich Ihnen sagen, was ich bis jetzt von Ihnen verstanden habe.”

Auch hier sind alle 3 Varianten – voll und ganz verstanden / teilweise verstanden / nicht verstanden von oben möglich.
Wurde alles richtig verstanden, sag, dass du deine Anliegen und Ideen dazu auch beisteuern möchtest. Starte los oder frag den anderen, ob er bereit ist, das zu hören.

 

Wenn sich die Themen mischen.

Dann geht es um KLARHEIT über Themen und Ziele. Bestimmt gemeinsam, welches Thema jetzt dran ist. Das andere kann „geparkt werden“ und Ihr geht es danach an.

“Ich höre nun ein weiteres Thema / einen weiteren Aspekt des Themas.
Ich hätte gerne Klarheit und möchte gerne wissen:
Welche Themen wollen wir nun besprechen mit welchem Ziel?
Dann würd ich gerne Thema für Thema durchbesprechen. Passt das für Sie?”

 

Mauern überwinden

 

DIE AUFMERKSAMKEIT ZU DIR HOLEN

So baust du die Brücke:
In unseren Übungsabenden und Kursen bitte ich bei Übungen: Macht Euch aus, wer zuerst spricht und wer zuerst zuhört. Im „echten“ Leben findet diese bewusste Frage selten Platz, es ergibt sich einfach. Sind alle Beteiligten zufrieden damit, ist das auch in Ordnung so. Möchtest du zu Wort kommen, stelle diese Frage ganz bewusst!

„Ich möchte dazu meine Sichtweise teilen / sagen, was mir dazu wichtig ist / sagen, welche Gedanken ich mir dazu gemacht habe / sagen, welche Fragen ich mir dazu gestellt habe / sagen, was mir dazu ein Anliegen ist.  
Sind Sie bereit, das zu hören?“

Mit dieser Frage geht es für den anderen um eine Entscheidung! Es kann der andere nun eine bewusste Entscheidung zum Zuhören treffen. Die Aufmerksamkeit im Falle eines JA steigt durch diese Bewusstheit enorm!

Und was, wenn ein Nein kommt?
Dann hast du wieder 2 Wahlmöglichkeiten:

  1. Du sagst, warum es dir wichtig ist, ebenso gehört und verstanden zu werden. Ist danach die Bereitschaft zum Zuhören gegeben, leg los.
  2. Du sparst dir deinen Senf für dieses Gespräch. Du überlegst danach in Ruhe, wie du damit umgehst. Wenn es dir wichtig ist, dazu gehört zu werden, bereite einen neuen Anlauf vor und führe ein extra Gespräch.
    “Zum Thema XY letztens habe ich noch Anliegen und Ideen. Die möchte Ihnen nun gerne darlegen: …”

 

 

Irmgard Wallner

 

Wie geht es dir mit dem Hören und Gehört werden? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Schreib mir doch in die Kommentare. Ich freu mich darauf, von dir zu lesen!

Herzlichst, Irmgard